Mehr als 60 Künstlerinnen* aus 20 Ländern – das Museum Arnhem (NL) das Saarlandmuseum Saarbrücken und das Belvedere, Wien präsentieren gemeinsam einen Höhepunkt der Kunstsaison 2025: RADIKAL! Künstlerinnen* und Moderne 1910 – 1950. Die mit Spannung erwartete internationale Kooperation hat bereits vor dem Start bedeutendes überregionales Medieninteresse geweckt, u.a. berichteten Handelsblatt und art magazin.
Kulturministerin Christine Streichert-Clivot: „Frauen haben die moderne Kunstgeschichte geprägt. Dennoch wurde den Künstlerinnen* nicht die Anerkennung zuteil, die sie verdienen. Jahrhundertelang waren sie von den Kunstschulen, Galerien und Museen ausgeschlossen. Die Ausstellung „RADIKAL! – Künstlerinnen* und Moderne 1910-1950“ widmet sich diesem oft übersehenen Kapitel der Kunstgeschichte. Sie ist nicht nur eine Hommage an diese Künstlerinnen*, sondern auch ein wichtiger Schritt zur Sichtbarmachung ihrer Werke und ihrer Geschichten. Sie zeigt, wie diese Frauen mit ihrem kreativen Schaffen die moderne Kunst geprägt haben und welche innovativen Ansätze sie verfolgten, während sie oft gegen gesellschaftliche Normen und Erwartungen ankämpfen mussten. Ihre Werke sind nicht nur Ausdruck ihrer individuellen Kreativität, sondern auch ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Herausforderungen ihrer Zeit.“
RADIKAL! Künstlerinnen* und Moderne 1910 – 1950 stellt den Begriff von moderner Kunst als geradlinige, hauptsächlich von Männern getragene Entwicklung in Frage. Stattdessen bringt die Ausstellung Künstlerinnen* verschiedenster Herkunft in einen Dialog und eröffnet damit neue Perspektiven auf die Vielfalt und grenzüberschreitende Dimension der Moderne. Trotz erster Erfolge in der Gleichstellung der Geschlechter blieben patriarchalische Strukturen gesellschaftlich tief verankert und selbst in progressiveren Kreisen der Kunst- und Kulturwelt bestehen. Die Ausstellung untersucht, wie festgeschriebene stereotype Geschlechterbilder nicht nur ungleiche Machtverhältnisse, sondern auch voreingenommene Urteile über Talent und Innovationskraft aufrechterhielten.
„Wir freuen uns außerordentlich, diese ambitionierte Ausstellung gemeinsam mit dem Museum Arnhem und dem Belvedere, Wien zu realisieren. Unser Projekt wird dazu beitragen, die jahrzehntelang ignorierten und in Vergessenheit geratenen Leistungen großartiger Künstlerinnen* des 20. Jahrhunderts zu würdigen und ihnen die lange verwehrte Sichtbarkeit zu verschaffen – im Ausstellungsgeschehen, in unseren Sammlungen, in der Kunstgeschichte der Moderne. Es ist uns eine Freude, diese umfangreiche Werkschau einem breiten Publikum an unterschiedlichen europäischen Standorten präsentieren zu können.“ Dr. Kathrin Elvers-Švamberk, Kunst- und kulturwissenschaftlicher Vorstand der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz a. i.
Mit der Zusammenschau von Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen, Architektur- und Bühnenentwürfen, Textildesigns, Filmen und anderen Medien wird die Ausstellung der Vielseitigkeit ihrer Protagonistinnen gerecht und macht den revolutionären Geist ihrer Schöpferinnen erfahrbar.
Präsentiert werden Werke von Zubeida Agha, Gertrud Arndt, Claude Cahun, Elizabeth Catlett, Sonia Delaunay, Marthe Donas, Alexandra Exter, Leonor Fini, Natalia Gontscharowa, Jacoba van Heemskerck, Hannah Höch, Erika Giovanna Klien, Käthe Kollwitz, Alice Lex-Nerlinger, Jeanne Mammen, Marlow Moss, Alice Neel, Gunta Stölzl, Sophie Taeuber-Arp, Charley Toorop, Toyen, Fahrelnissa Zeid und vielen anderen.
Prof. Dr. Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder: „Diese Ausstellung hinterfragt überkommene Narrative einer männlich dominierten, eurozentristischen Kunstgeschichte und zeigt Künstlerinnen* als deren Protagonistinnen. Indem sie oftmals übersehene weibliche künstlerische Positionen der Moderne sichtbar macht, ermöglicht sie wertvolle neue Perspektiven auf gesellschaftliche, politische und ästhetische Fragen, bereichert damit unser Verständnis von Kunst und Kultur und inspiriert zukünftige Generationen von Künstlerinnen*, ihre eigene Stimme zu finden. Daher haben wir die Ausstellung sehr gern gefördert.“
RADIKAL! Künstlerinnen* und Moderne 1910 – 1950 konzentriert sich auf drei Themenfelder, in denen gerade Künstlerinnen* sich besonders profiliert und mit oftmals revolutionärem Geist hervorgetan haben: ihre bahnbrechenden Beiträge zur Entwicklung der abstrakten Kunst und die Übertragung dieser neuen Formensprache in den Lebensalltag einer modernen Gesellschaft; ihre Auflehnung und ihr engagierter Protest gegen politische und gesellschaftliche Missstände; und schließlich – bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts – das radikale Infragestellen traditioneller weiblicher Rollenbilder und das Ausloten non-binärer Geschlechteridentitäten. Zugleich will unsere Präsentation dazu anregen, den Begriff und Kanon der „Modernen Kunst“ zu öffnen und die patriarchalen Strukturen und Mechanismen der Kunstgeschichtsschreibung aufzeigen. Darüber hinaus lädt die Schau dazu ein, den eurozentrischen Blick zu überwinden und auch auf die Innovationen weiblicher Kunstschaffender etwa in Nahost, China oder den USA in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu schauen.
- Experiment Abstraktion
Mit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden zunehmend die veränderten Weltsichten und Lebensformen einer industrialisierten Gesellschaft zum Gegenstand und zur Grundlage künstlerischer Arbeit. Künstlerinnen* weltweit suchten nach neuen, zeitgemäßen Repräsentationsformen für einen sich wandelnden Begriff von Wirklichkeit. Mit kühnen Formexperimenten und einer unorthodoxen Themenwahl trugen sie zur rigorosen Umwertung hergebrachter ästhetischer Kategorien bei.
Sie gaben den traditionellen Gegenstandsbezug auf und sondierten neue Wege der Figuration wie der Abstraktion. Mit der wachsenden Autonomie von Farbe und Form gingen konzeptuelle Kompositionsverfahren einher, die der Deutung von Mensch und Existenz neue Grundlagen erschlossen. Überzeugt davon, dass Kunst auch eine soziale Verantwortlichkeit habe, strebten zahlreiche Künstlerinnen* seit den 1920er Jahren danach, mit ihrer Arbeit eine ästhetisch erneuerte, menschenwürdige Umwelt im Lebenskontext des Maschinenzeitalters zu schaffen. Eine elementare Farb- und Formensprache vermittelt dabei ein Weltbild, in dem Klarheit, Maß und Gesetz herrschen.
Fragen von Raum, Struktur und Rhythmus prägten die gattungsübergreifende Arbeit einer Sophie Taeuber-Arp oder Sonia Delaunay ebenso wie das Schaffen der Künstlerinnen* am Bauhaus oder der russischen Avantgarde. Oftmals fußte ihr Formenvokabular auf der Geometrie. Mit ihren lapidaren Setzungen schufen sie nicht nur zukunftsweisende Bildkonzepte, sondern darüber hinaus radikale Neuinterpretationen der gesellschaftlichen Wohn- und Kleidungskultur. Es waren überwiegend weibliche Kunstschaffende, die im Rahmen der Angewandten Kunst die programmatischen Formideale der Moderne in das Alltagsleben ihrer Zeit brachten – während sie mit dieser Tätigkeit zugleich nach finanzieller Unabhängigkeit und Autonomie strebten.
- Kunst als Akt des Protests
Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war einerseits von zwei Weltkriegen, der Russischen Revolution, antikolonialen Bewegungen, dem Aufstieg des Kapitalismus und erstarkenden politischen Bewegungen geprägt, anderseits von positiven Entwicklungen wie der fortschreitenden Emanzipation und dem erweiterten Wahlrecht. Die Künstlerinnen* in dieser Sektion haben diese Prozesse beobachtet und dokumentiert, viele haben mit ihrem Schaffen protestiert, um gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen und die Rechte unterprivilegierter Bevölkerungsschichten zu stärken. Die Folgen des Kapitalismus waren ein zentrales Thema für Alice Lex-Nerlinger, die in ihren Werken die harten Lebens- und Arbeitsbedingungen des Proletariats anprangerte, während Milada Marešová Verarmung und sozialen Abstieg infolge der globalen Weltwirtschaftskrise aufgriff. Die Auswirkungen des aufkommenden Faschismus waren ein zentrales Thema für Künstlerinnen wie Lea Grundig, Friedl Dicker-Brandeis und Jeanne Mammen, die auf unterschiedliche Weise gegen Bedrohung, Unterdrückung und Gewalt des NS-Regimes opponierten. Politischer Aktivismus prägte auch das Schaffen von Käthe Kollwitz, die sich gleichzeitig vehement gegen das Abtreibungsverbot wandte. Auf der anderen Seite der Welt beleuchtete Elizabeth Catlett den Rassismus aus ihrer eigenen Erfahrung als Afroamerikanerin, indem sie Schwarze Frauen in alltäglichen Situationen zeigte und ihre Bereitschaft zum Widerstand hervorhob, während Alice Neel einen von der Kommunistischen Partei organisierten Protest gegen den europäischen Faschismus zum Bildgegenstand machte.
III. Neue Realitäten. Neue Identitäten
Die Errungenschaften der Emanzipation eröffneten neue Handlungsmöglichkeiten und Aktionsräume für Künstlerinnen*. Inwieweit sie die damit verbundenen Herausforderungen und Konsequenzen zum Bildgegenstand erhoben, zeigt die dritte Sektion der Ausstellung. Hanna Nagels Zeichnungen, die fast 100 Jahre nach ihrer Entstehung nicht minder aktuell erscheinen, nehmen die ungleichen Machtverhältnisse und die Ambivalenz im Wechselspiel der Geschlechter in den Fokus. Performative Selbstinszenierungen und die Technik der Fotomontage standen im Zentrum von Gertrud Arndts und Grete Sterns Schaffen, das gesellschaftlich etablierte Rollenbilder auf den Prüfstand stellte. Leonor Fini griff hingegen auf surrealistische Bildstrategien zurück, um die Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau umzudrehen. Die binäre Geschlechterordnung stellte Claude Cahun in Frage und entwarf ein erweitertes Spektrum möglicher Identitäten außerhalb der dominanten Kategorien. Inwieweit die Auseinandersetzung mit dem nackten Körper zu einem Instrument der Selbstbehauptung und –befragung wurde, zeigen Werke von Greta Freist und Charley Toorop.
Die Ausstellung wird gefördert von der Kulturstiftung der Länder und von Saartoto.
RADIKAL! Künstlerinnen* und Moderne 1910 – 1950 wird von Stephanie Auer (Belvedere, Wien), Kathrin Elvers-Švamberk und Meike Lander (Saarlandmuseum – Moderne Galerie) sowie Evelien Scheltinga (Museum Arnhem) kuratiert und von einer umfangreichen wissenschaftlichen Publikation mit Essays der Kuratorinnen und externer Autorinnen begleitet.
Die Ausstellung wird durch ein vielfältiges Rahmenprogramm flankiert. Neben verschiedenen Führungs- und Kreativangeboten, wie etwa Erwachsenenworkshops zum Thema Holzschnitt und abstrakte Malerei, finden besondere Programmhighlights im Rahmen von „(un)sichtbar – Feministische Themenwoche in der Modernen Galerie“ statt: Der Poetry Slam „Have you done your duty?“ am 05.03. in Kooperation mit dem Dichterdschungel und eine Fachtagung am 06.03. mit dem Titel „Strukturen des Vergessens – Künstlerinnen der Moderne“.
Im Ausstellungskontext findet der Ausdruck Künstlerinnen* Verwendung, um auf die mögliche Geschlechtervielfalt innerhalb der in der Ausstellung vertretenen Personengruppe hinzuweisen.
Abbildungen/foto credits :
Charley Toorop, Frauenfiguren, 1931/32, Collection Van Abbemuseum, Eindhoven, the Netherlands © VG Bild-Kunst, Bonn 2025; Foto: Peter Cox, Eindhoven, the Netherlands, Öl / Leinwand, 135,8 x 101,2 cm